Ein winzig kleiner Tannenbaum

Ein winzig kleiner Tannenbaum stand weinend in der Ecke.
Er zitterte im scharfen kalten Wind und wünschte sich nicht viel mehr als einen warmen Platz nicht weit vom Ofen. Seine Eltern hatten ihm erzählt, dass er sicher eines Tages einmal, schön geschmückt, in leuchtende Kinderaugen und auf selige Eltern herabblicken kann.
Doch immer wieder nahm eine behandschuhte Hand einen Baum neben ihm. Bin ich nicht wert, mitgenommen zu werden? Bin ich gar hässlich oder zu klein? Zu groß war er sicher nicht, reichte er den Männern doch grad bis zum Bauch.
Eine Antwort blieb aus.
Da erklang ein feines Glöckchen grad neben ihm. Er wand sich um, soweit es ging, schließlich kann ein Tannenbaum das nur bedingt. Ein kleines Mädchen, gekleidet in dicke Daunenjacke mit Handschuhen und einer wollenen Mütze gekleidet, die ein goldenes Glöckchen zierte, tanzte fröhlich um den Baum herum. Der Tannenbaum blickte geradewegs ein Lächeln versuchend in leuchtendblaue Augen. Ihm wurde warm in seinem dichten Nadelkleid.
„Papa, Mama, den will ich haben!“, rief das Mädchen mit heller Stimme. Dabei strich es mit den Händen zärtlich über die dunkelgrünen Zweige der Tanne.
„Ach, Kind! Wir haben uns schon für diese große Tanne entschieden. Die passt grad in unser Haus und sogar der Stern passt noch oben auf die Spitze. Schau nur wie schön sie ist.“ Die Eltern sahen stolz an ihrem Baum hinauf.
„Ach, ich finde den kleinen Baum viel schöner, er lächelt so lieb.“
„Was redest du, Kind? Bäume lächeln doch nicht! Dummerchen. Komm, wir müssen bezahlen und dann geht es heim, den Baum schmücken. Außerdem hat dein kleiner Baum Wurzeln, das wollen wir nicht.“
„Weihnachten kann kommen!“, rief die Frau Mama. Und der Vater griff fest das Fäustchen seiner Tochter.
Das Mädchen sah traurig auf den kleinen Baum und schwieg. Es spürte, dass jedes Wort zu viel war. Ich hätte dich viel lieber genommen, flüsterte es, du wärest grad richtig.
Da antwortete das Bäumchen mit tränenerstickter Stimme: „Danke, Kind. Du bist der erste, der mich wahrgenommen hat. Geh und weine nicht um mich.“
Im nächsten Augenblick legte sich ein Schatten auf den Baum. Hände zupften zärtlich an seine Zweigen, steckten Schmuck an leichten Bändchen dran und schließlich bekam er noch eine Kette und Lametta übergeworfen. Dann wurde er angehoben und mitsamt seinem Kübelfuß auf die Mauer gehievt.
Im nächsten Augenblick leuchtete er weithin in die beginnende Nacht. Er blickte, stolz und den Tränen der Rührung nahe, dem Auto hinterher, in dem das kleine Mädchen saß und ihm zum Abschied winkte.

Frohe Weihnachten.

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