Die Legende vom Tannenbaum – ein Gedicht

Die Legende vom Tannenbaum – in der hier vorliegenden Form – ist mir eine Reminiszenz an meine Kindheit. Im Hause meines Großvaters, einem Mann von Format (nicht nur körperlich), gehörte es seit je her zur geliebt-gehassten Tradition, dass die Kinder sich die Mühe machten, dieses Gedicht VOR der Bescherung zu „bescheren“. Auch meine Schwester und ich kamen in den (zweifelhaften) Genuss, alle Zeilen auswendig zu lernen und unterm Tannenbaum am 1. Feiertag aufzusagen. Gottlob stand uns unsere Tante als Souffleuse bei. Aber wir haben es überlebt – und das Gedicht auch.

Die Legende vom Tannenbaum

In der Bergpredigt, wie bei Matthäus zu lesen,
ist auch von Bäumen die Rede gewesen.
Der Heiland hatte gesagt,
dass Feigen nicht reiften auf Distelzweigen,
dass Trauben nicht wüchsen am Dornenhage,
und dass der Baum, der nicht Früchte trage,
zu gar nichts wert erscheine auf Erden,
als abgehauen und verbrannt zu werden.
Und als er geendet, da ist schon bald,
ein Streiten entstanden im nahen Wald.
Die Disteln, welche die Rede gehört,
waren über die Maßen empört;
die Dornen reckten die scharfen Spitzen
und knarrten: das lassen wir nicht auf uns sitzen.
Die Trauben blähten sich gar nicht schlecht
und meinten geschwollen: so ist es recht;
und die gelben aufgedunsenen Feigen
zeigten ein sattes, blasiertes Schweigen.
Nur ein zierlicher Tannenbaum
stand verschüchtert, rührte sich kaum,
horchte nicht auf das Rühmen und Klagen,
hatte sich still und bescheiden betragen
und dachte und dachte in einem fort
an des Heilandes rügendes Wort.
Er fühlte sich ganz besonders getroffen,
er hatte kein Recht auf Gnade zu hoffen,
die erste Axt würde ihn zerschlagen,
er wusste nur Tannenzapfen zu tragen.
Früchte hatte er nie gebracht,
das hatte ihn niedergeschlagen gemacht.
Und als sich nun aber die Sonne versteckt
und tiefes Dunkel die Erde bedeckt,
und ermüdet vom Regen und Klagen,
die anderen Bäume im Schlummer lagen,
wollte er nichts von Schlummer wissen,
hat die Wurzel aus dem Erdreich gerissen
und sich unbemerkt in der stillen Nacht
auf den Weg zum Heiland gemacht,
um den gestrengen Herrn zu sehen
und sich milderes Urteil zu erflehen.
Und als er nach mühseligen Stunden
den lange Gesuchten endlich gefunden
und ihm recht herzlich sein Leid geklagt,
da hat der Heiland lächelnd gesagt:
Wisse, dass seit Beginn der Welt
ein jeglicher Fluch seinen Segen enthält,
und dass in jeglichem Segensspruch
verborgen liegt ein heimlicher Fluch.
Den Feigen brachte nur Fluch mein Segen,
weil sie jetzt sündigen Hochmut hegen;
die Trauben haben mir nicht gedankt,
sie haben sich mit den Dornen gezankt;
die Disteln ließen sich nicht belehren,
die konnten den Fluch nicht zum Segen kehren.
Du aber hast es besser gemacht,
Du hast aus dem Fluch einen Segen gemacht.
Dein Bittgang sei nicht umsonst gewagt,
zwar, was gesagt ist, bleibt gesagt,
Dein Schicksal ist nun nicht mehr zu trennen,
vom Abhauen und im Ofen verbrennen;
aber ich will Dich erheben und ehren,
ich will einen rühmlichen Tod Dir bescheren.
Kein Winterschlaf soll Dich traurig umschließen,
ein doppeltes Leben sollst Du genießen;
und auf Deinen zierlichen Zweigen,
sollen die herrlichsten Früchte sich zeigen,
soll man Lichter und Zierrat schauen,
freilich erst, wenn Du abgehauen.
Sei wie ein Held, der für andere leidet,
der in blühender Jugend verscheidet,
damit Dein Leben, das kurze – doch reiche,
meinem irdischen Wandel gleiche;
Du sollst ein Bote des Friedens sein,
Du sollst glänzen wie im Heiligenschein,
den Kindern sollst Du Freude bereiten,
den Sünder wecken aus seinen Sünden.
Gesang und Jubel soll Dich umtönen,
mein lieblichstes Fest sollst Du lieblich verschönen.

So bist Du von allen Bäumen hienieden
der gesegnetste – ziehe hin in Frieden.

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