Die Souffleuse des Nachrichtensprechers

Der Nachrichtensprecher legte das letzte Blatt beiseite und rückte seine randlose, vergoldete Brille zurecht. Dann sah er mit fragendem Blick an der Kamera vorbei, als suche er das Anderswo. Mit einem professionell kalibrierten Lächeln auf dem Gesicht nickte er und begann mit gewohnt souveräner Stimme: »Meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich habe noch einen Hinweis in eigener Sache.« Er zog einen Zettel aus der Jacketttasche und entfaltete ihn. »Dies ist heute mein letzter Tag hinter diesem Sprecherpult. Ich verabschiede mich schweren Herzens, doch auch mit einem guten Gefühl, als Verkünder der unterschiedlichsten, manchmal auch notwendigen Nachrichten.« Sein Blick war ruhig auf die Kamera
gerichtet, seine Stimme wirkte bestimmt. Aus dem Hintergrund wurde Unruhe laut, Stühle wurden gerückt und auch die Kameraeinstellungen änderten sich fast sekündlich. Doch niemand schaltete die Aufnahmegeräte ab. Stimmengewirr hob an und ein paar Mal war ein »Psssst!« zu hören. Der Sprecher räusperte sich: »Weltschmerz wechselte mit Philosophie, Romantik mit Entsetzen. Es war eine lange Zeit, Hundstage wechselten mit glorreichen Zeiten, einem Eldorado gleich, tiefe Dunkelheit mit grellem Licht. Ich habe in all den Jahren hier eine tiefe Sehnsucht nach Erlösung gespürt«, er machte eine ausschweifende Handbewegung, »hunderte Menschen kommen und gehen sehen, vom Azubi bis zum Chef. An manche Kollegen erinnere ich mich gerne, andere sah ich ebenso gerne wieder gehen. Ich habe über Menschen, Schicksale und Begegnungen berichtet. Manche blieben mir in guter Erinnerung. Es war mein Job, nennen wir es ruhig Berufung. Ich erinnere mich meiner eigenen Lehrzeit und all der Jahre danach, in denen ich mich einer Luxation nahe verrenken musste, um unangenehme Nachrichten positiv zu veredeln. Mir gefiel das nicht! So hatte ich mir das nicht vorgestellt.« Er sah mit ernster Miene in die Kamera und wedelte mit seinem Blatt. »Dies hier brauche ich nicht mehr, meine sehr verehrten Zuhörer, lassen sie mich etwas Persönliches sagen: Ich habe es gehasst! Es war mir oft genug zuwider, morgens in den Anzug zu schlüpfen, der meiner Rolle angepasst war. Ich habe so viel nacktes Fleisch auf all den Kriegsbildern gesehen, dass mir der Appetit danach vergangen ist. Ich rieche es bei Tag und bei Nacht und in meinen Träumen türmen sich bleiche Knochen meterhoch. Ich habe so viel Lug und Trug verbreitet, der mir von all den Herren in ihren feinen Anzügen und dem anmaßenden Gesicht und den ehrenwerten Damen«, er verzog das Gesicht zu einer schäbigen Grimasse, »mit ihren steifen Kostümchen und rot bemalten Lippen vorgelegt wurde. Sie erinnern mich an die Dominas mit ihren Sklaven, die Sadomasospielchen
darbieten. Nur, dass ich die Peitsche und die Fessel war. Ich steige aus dieser Boutique der Eitelkeiten aus.«
Wieder entstand eine Pause, in der verhaltenes Gelächter und wirres Reden aus dem Hintergrund zu hören waren. Blicke suchten in der Finsternis um das Aufnahmepodest die Souffleuse. Man tuschelte, und leises Raunen mischte sich unter die monoton klingende Rede des Kollegen. Der Sprecher verzog keine Miene, er fuhr ungerührt mit seiner Ansprache fort.
»Soll sich ein anderer hierher setzen und zum Affen machen. Ich werde meinen Hut nehmen.« Er griff unter das Pult. Einen Moment war absolute Stille, aus dem Hintergrund drang kein Laut. Der Sprecher hob die Hand wie zum Gruß. Eine Pistole, klein und zierlich lag darin. Er zielte ins Nichts hinter ihm, ein Schuss. Er nahm die Brille ab und erhob sich unter den verstörten Blicken der Anwesenden. „Tja, unsere geschätzte Kollegin, meine Souffleuse, die stets zur falschen Zeit das falsche Stichwort gab. Ihr habe ich gezeigt, was es heißt, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

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