»Wo dein Herz schlägt …«

Hallo Papi, nachdem ich meine Koffer und Kisten ausgepackt und mein neues Heim gemütlich eingerichtet habe, finde ich Zeit, Deine Frage zu beantworten. »Warum gehst Du fort?«, hast Du mich bei unserem letzten Telefonat gefragt. Und ich bin Dir eine Antwort schuldig geblieben. Im ersten Augenblick ist mir keine Erwiderung eingefallen, die gepasst hätte. Dazu stand der Möbelwagen mit einem Mal und doch nicht unerwartet vor der Tür.
Nun sitze ich hier auf der Terrasse am neuen Haus und blicke in den Sonnenuntergang, der eine junge Birke golden leuchten lässt. Die ersten Tage sind vorbei, die Erinnerung an all die Vorfreude und Hektik der letzten Tage auf vertrautem Boden weichen der Neugier auf das Zukünftige. Solange ich zurückdenken kann, habe ich Umzüge stets als Fortschritt betrachtet, da ist die Größe dieses Schrittes nicht entscheidend. Einzig, was zurückbleiben muss, schmerzt ein wenig. Doch dieses Leid wird gemildert durch die neuen Dinge, die es zu erleben gilt. Und in mir wächst die Zuversicht, meinem Leben die richtige Wendung gegeben zu haben.
Hier habe ich, was ich für mich zum Leben brauche und in der alten Heimat nicht mehr fand: innere Zufriedenheit, die mich leichter atmen lässt, und ein Umfeld, das mich warm und freundlich aufgenommen hat. Deine Sorge, ich könnte in der Fremde nicht zurechtkommen, hat sich für mich durch glückliche Fügungen zerstreut. Unsere Nachbarin, deren unbeholfenes Deutsch uns noch amüsiert, wird uns mit jedem Tag vertrauter. Sie bemüht sich, uns in die Geheimnisse ihrer Sprache einzuweihen, weil sie weiß, wie sich das anfühlt, fremd zu sein. Als junge Frau war sie der besseren Arbeitsmöglichkeiten wegen von Zuhause weggegangen und hatte in Deutschland Arbeit gesucht. Auch sie kämpfte damals um jede Vokabel wie ich heute, wenn ich versuche, mich im Laden an der Ecke verständlich zu machen. Das Lächeln, das meine ungelenken Worte erwidert, ermuntert mich, und ich hege die Hoffnung, bald schon nicht mehr nur hilflos zu lächeln, wenn ich angesprochen werde. Ob ich jemals frei heraus antworten kann, ist ungewiss, weil das Erlernen von Vokabeln und Floskeln nicht ausreicht. Die ungewohnten Geldscheine – im ersten Moment sehen sie aus wie Monopoly-Spielgeld – fassen sich mit der Zeit vertraut an. Die Stimmen aus dem Radio muten nicht mehr exotisch an, je öfter ich mich damit einhülle. Und nicht nur die Straßenschilder mit den unaussprechlichen Namen schrecken mich heute noch, weil ich mich schwertue, im Vorbeifahren die Buchstaben zu enträtseln. Wenn ich heute an den Fassaden der Häuser meiner Straße vorbeischlendere, schwappt aus den geöffneten Fenstern Unverständliches aus einem Fernseher auf die Gasse. Wenn ich mit hilflosem Blick die Aufschriften der Waren im Tante-Emma-Laden an der Ecke zu entziffern versuche, dann weiß ich, ich bin fremd. Manchmal schmerzt dieses Gefühl mehr als der Verlust des Vertrauten. Aber es ist nicht wichtig für mein Gefühl, am richtigen Platz in meinem Leben zu sein. Weißt Du, Papi, ich denke, man gewöhnt sich an die Gegenwart, wo und wie sie auch sein mag. Mein Auge scheint mit jedem Morgen weniger überrascht, wenn es verschlafen aus dem Fenster blickt. Das Hundegebell aus Nachbars Gärten nervt mit jedem Mal weniger, wie man sich auch damit anfreundet, dass der Hahn auf dem Grundstück nebenan die Morgensonne mit einem lauten Kikeriki begrüßt. Sogar mein eigener Rhythmus passt sich spürbar den neuen Bedingungen an. Und am Abend sitze ich bei einem Glas Wein, dessen Geschmack mich die neue Heimat kennenlernen lässt. Und ich esse Brot, dessen Krume sich noch fremd auf der Zunge zeigt. Nur manchmal überkommt mich die Sehnsucht nach dem Altbekannten. Da wünschte ich mich ein Stück weit zurück, weil die gegenwärtigen Eindrücke bedrohlich das Vertraute verdrängen, dass ich fürchten muss, mich einmal nicht mehr zu erinnern. Dann vermisse ich den Geruch frischgebackenen dunklen Brotes und wünsche mir auf dem Teller Vertrautes, das hier nicht zu bekommen ist. Dann frage ich mich ein Stück weit, ob es richtig war, das Gewohnte aufzugeben. Doch jedes Neue wird irgendwann ein Teil des eigenen Lebens und ist damit nicht mehr unbekannt. So ist es mir in der Vergangenheit oft ergangen, wenn ich in eine fremde Stadt gezogen oder an einen neuen Arbeitsplatz gekommen bin. Zuerst überwiegen die Neugier und die Freude am Entdecken der Terra incognita und alltägliche Vorgänge bleiben eine ganze Weile abenteuerliche Momente. Es dauert, bis sie einem »in Fleisch und Blut« übergegangen sind. Ob ich eines Tages das Gefühl haben werde, hier zuhause zu sein, weiß ich jetzt noch nicht. Aber mit jedem Tag wachse ich mehr und mehr in mein neues Leben hinein. Deine Wege waren nicht meine und meine Wege nicht die Deinen. Trotzdem blieb unsere Verbindung bestehen, egal, welche Entfernungen in der Vergangenheit zwischen uns zu messen waren. Papi, ich schreibe Dir dies, weil ich möchte, dass Du weißt, dass es mir gut geht, wo ich jetzt bin. Heimat ist, wo dein Herz schlägt … mein Herz schlägt für mein Leben in der Fremde. Jeder findet seine Heimat in seinem Leben, ganz egal wo und wie. Und das ist gut so. Ich hoffe, diese Zeilen erreichen Dich, bevor Du Deine eigene Reise antrittst. Dahin kann ich sie Dir ja nicht nachschicken. Ich würde Dich gerne fragen: Was wird Dich dort erwarten? Doch Deine Antwort würde mich zu sehr schmerzen, dass ich lieber schweige. Ich wünschte mir, Du könntest mich noch ein Stück weit aus der Ferne begleiten. Doch unsere Wege trennen sich – wieder einmal, muss ich hinzufügen – diesmal endgültig. Ich wünsche Dir, dass Du dort, wo es Dich hinzieht, nichts vermissen musst, das Dir lieb war, und dass Du warm empfangen und Deine Heimat in der Fremde finden wirst. Mir bleibt nur noch, Dir ein letztes Mal zu wünschen: Lebe wohl.
Deine Tochter

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